POSTKARTENÄNDEREI

Idee, Arbeitsform, Perspektive, Kommunikation. Einfach weiter nach unten scrollen!

 

 

 

Hast du meine Postkarte eigentlich bekommen? Ist die Urlaubspost schon angekommen? Wie haben dir die außergewöhnlichen Grüße aus Griechenland gefallen? Oder: Wir konnten euch sogar eine Postkarte direkt vom Kreuzfahrtschiff schicken.

 

Solche Fragen gehören seit Generationen zum Urlaub. Eine Postkarte ist mehr als nur ein kurzer Gruß. Oft landet sie zunächst an der Pinnwand oder am Kühlschrank – gut sichtbar für Familie, Freunde oder die Großeltern. Manche verschwinden später in einer Schublade oder, wie bei mir, in einem Schuhkarton. Dort bleiben sie oft über Jahre, manchmal sogar über Jahrzehnte.

 

 

Es sind fremde wie eigene Grüße, kleine Zeugnisse von Reisen, Begegnungen und Erinnerungen. In der Kunst gibt es dafür einen Begriff: Mail Art. Doch auch ohne diesen Namen sind Postkarten kleine Botschafter ihrer Zeit. Urlaubsgrüße eben. Irgendwann stellt sich jedoch eine einfache Frage: Was macht man mit einem Karton voller Postkarten, deren gute Wünsche längst zehn oder zwanzig Jahre alt sind? Wegwerfen? Eigentlich schade.

 

 

 

Vielleicht ist Upcycling die bessere Antwort. Also wandert der Karton auf den Ateliertisch. Schere, Cutter, Schneidemaschine, Klebstoff und Stanzer liegen bereit. Aus Zufall, Erinnerung und spielerischer Neugier entstehen neue Bilder, Collagen oder kleine Kunstwerke.

 

 

 

Vielleicht beginnen die alten Postkarten damit eine zweite Reise. Und vielleicht bereiten sie ihren ehemaligen Absendern oder neuen Betrachtern noch einmal Freude.

 

Die Postkartenänderei

 

Idee, Arbeitsform, Perspektive, Kommunikation.

Andreas Petzold

 

Ich zerschneide keine Postkarten.
Ich befreie Bilder aus ihnen.

 

 

In viele Collagen werden Bilder zusammengesetzt. Ich gehe einen Schritt früher an den Prozess heran und suche zunächst Bilder in der vorliegenden Auswahl an Motiven. Und das sind in der Regel gesammelte Postkarten und Fragmente von Kunstzeitschriften und Ausstellungskatalogen.

 

Marcel Prousts Satz: „Die wahre Entdeckungsreise besteht nicht darin, neue Landschaften zu suchen, sondern mit anderen Augen zu sehen!“ ist immer im Fokus. Seit vielen Jahren hängt an meiner Atelierwand: „Sehen heißt suchen!“. Auf dem Ateliertisch immer wieder: Beau Lotto, ANDERS SEHEN - Die verblüffende Wissenschaft der Wahrnehmung, als inhaltliche Ergänzung.

 

Der Stanzer ist dabei für mich, neben meinen Augen, fast das wichtigste Werkzeug. Er funktioniert wie ein Suchfenster. Plötzlich wird aus einer Urlaubslandschaft ein abstraktes Farbfeld. Aus einem Hotelfoto wird eine geometrische Komposition. Aus einem Straßenschild wird typografische Faszination. Der Ausschnitt befreit das Bild von seiner ursprünglichen Aussage und Bedeutung. Dabei orientiere ich mich weniger an das "Zerstören" einer Postkarte als an der Entdeckung eines neuen Bildes und damit an einer neuen Aussage. Das Bild – also die Urpostkarte - war immer schon da – nur niemand hatte es vorher so wahrgenommen. Erst meine Intervention macht den zweiten Blick möglich.

 

 

 

Das vorhandene Bild ist dabei der Rohstoff, denn es beschreibt genau diesen Perspektivwechsel. Eine Postkarte ist für die meisten Menschen ein fertiges Produkt, das tausendfach in Geschenke- und Zeitungsläden sowie Buchhandlungen an Urlaubsorten zur Verfügung steht. Für mich beginnt ihre eigentliche Existenz erst, nachdem sie ihren ursprünglichen Zweck, die Kommunikation mittels Versendens, erfüllt hat. Eine Postkarte ist deshalb für mich kein Bild. Sie ist ein Vorrat an Bildern und Informationen. Oder, anders formuliert: Ich zerschneide keine Postkarten. Ich befreie Bilder und Informationen aus ihnen und geben ihnen einen neuen Blickwinkel. Der Stanzer wird dabei zu einem Werkzeug der Entdeckung, der Gestaltung und nicht der Zerstörung.

 

Die ausgestanzten Formen werden zu eigenständigen Werken, während die ursprüngliche Postkarte ihre Dominanz dabei vorerst verliert. Der Stanzer produziert allerdings keine Formen für mich. Er produziert kreative Möglichkeiten. Ich zerschneide keine Postkarten. Ich befreie Bilder aus ihnen. Hier wird aus einer vermeintlich zerstörerischen eine schöpferische Handlung. Das Verb befreien verändert den Blick vollständig. Ein Andocken an FLUXUS, insbesondere Ben Vautier, ist hier denkbar und erwünscht.

 

All das sind eigentlich schon Statements. Denn hier geht es plötzlich gar nicht mehr um das Werkzeug, sondern um eine künstlerische Haltung. Die Haltung des Änderns.

 

Ich zerschneide keine Postkarten.
Ich befreie Bilder aus ihnen.
Der Stanzer produziert keine Formen.
                                                              Er produziert Möglichkeiten.
                                                                                                                  Denn jede Postkarte enthält mehr Bilder,                                                       als ihr Absender je verschicken wollte.

Und das ist ein kreativer

Möglichkeitsraum für Kunst!

 

Ich füge den Karten nichts hinzu. Ich hole nur etwas hervor, das bereits in ihnen angelegt war und erst durch mich und die Idee der Postkartenänderei sichtbar gemacht wird. Idee, Arbeitsform, Perspektive und Kommunikation werden öffentlich sichtbar!

 

 

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