SCHWEIN GEHABT !
Das Schwein hat Schwein gehabt - Auch wenn es manchmal schmeckt!
Arbeiten des Berliner Künstlers Peter Harder in der Wunderkammer 5m²
Nach der Annexion der beiden Herzogtümer Schleswig und Holstein durch die Preußen 1867 entstand die Provinz Schleswig-Holstein. Die dänische Minderheit sollte den Dannebrog, die dänische Nationalflagge, nicht mehr zeigen. Der preußische Polizeiposten Husum musste damals sogar nach Berlin melden, wenn in Vorgärten vermehrt Schweine in den dänischen Farben rot-weiss gesichtet worden seien. Man vermutete, dass die rotweiß gestreiften Schweine genutzt wurden, um als stiller Protest oder zur Provokation gegenüber der Obrigkeit extra gezüchtet worden sind. Ein konkreter und beweisbarer historischer Beleg dafür scheint es nicht zu geben. Das Rotbunte Husumer Schwein ging so werbewirksam als „Protestschwein“ in die Geschichte ein. Es war robust und ein gutes Muttertier. Husum, die Stadt Theodor Storms und seines Schimmelreiters Hauke Haien, war damit Namensgeber, da in der Stadt einer der größten Viehmärkte nördlich der Eider abgehalten wurde.
Wie es für die deutsche Minderheit in Dänemark und die dänische Minderheit in Deutschland seit Jahrzenten harmonisch praktizierten Minderheitenschutz gibt, so sollte man auch dem Rotbunten Husumer Protestschwein diesen Minderheitenschutz angedeihen lassen. Hinrichsen Farm auf Föhr scheint die Idee zu unterstützen. Gehört das Schwein doch unzweifelhaft zur wechselvollen deutsch-dänischen (schleswig-holsteinischen) Landesgeschichte.
Das Schwein ist lebendige Kulturgeschichte. Eben ein Schwein wie das Land. Heimatverbunden, robustund friedlich.Wenn es aber sein muss, auch widerspenstig. So widerspenstig, robust und dennoch friedlich, wie die goldenen Schweine des Berliner Künstlers Peter Harder in der Wunderkammer 5m², im ehemaligen W.D.R.Flaggenhäuschen am Wyker Hafen.
Das Schwein hat Schwein gehabt. Zumindest in der Kunst!
Aber für die Betrachtung und Einordnung des Schweines in der bildenden Kunst sind historische Positionierungen und Verflechtungen notwendig, da das Schwein in vielfältiger Form symbolisch eingeordnet und verknüpft ist. Entweder im bäuerlichen Alltag oder als allesfressende, mythologische Bestie. Eine fast unübersichtliche Zuordnung zwischen Zivilisation und Wildnis. Zwischen Massentierhaltung und freilaufenden Kleingruppensozialisation. Zwischen Religion und Tierschutz. Oder der Positionierung in der Niederträchtigkeit oder der Zuweisung als Opfergabe in der sakralen Welt. Ein schwieriges Unterfangen, auch in der Kunst noch kreative Zuordnung und Blickrichtungen zu ermöglichen, wo z.B. das „antike“ Schwein als Ellexis des Mutes oder des Zornes verklärt wurde. Es ist ein äußerst ambivalentes und differenziertes Bild, was das Schwein im Allgemeinen abgibt. In der Kunst scheint es noch komplizierter. Die „documenta X“ in Kassel ermöglichte 1997 Rosemarie Trockel und Carsten Höller dem „Bunten Bentheimer“ die künstlerische Weihe. Mit einer gewissen Süffisanz schrieb damals Jürgen Hohmeyer vom Magazin „Der Spiegel“ zur documenta von 1997 folgende schöne Zeilen: „Wer in den Stall sah und sich an den glücklichen Tieren erfreute, dachte unweigerlich über Massentierhaltung, Ausbeutung und Gewinnmaximierung nach. Gedankenvoll entspannt sollen documenta-Besucher schließlich am Ende ihres Parcours, glücklichen Schweinen ins Auge blicken. Eine Trennscheibe trennte Schweine-Idylle und Zuschauer oder Kunstbetrachter. Eine Besucherin kommentierte mit kritischem Blick: „Irgendwie pervers, sich da so gegenseitig durch die Scheibe anzuschauen.
Die Fensterscheiben der Wunderkammer 5m² dienen hier allerdings nicht der Präsentation von Idylle, die es vielleicht im Biedermeier oder der Romantik gab und durch industrielle Mast abgelöst wurde, sondern der Idee, den eigenen Blick zu schulen, der von Lichteinfällen, Reflexionen oder Spiegelungen begleitet wird. Der Blick auf die goldenen „schweinischen“ Hinterteile des Berliner Künstlers Peter Harder, sind der kreative Auslöser und Impuls, das Schwein und das menschliche Sehen zu subsummieren. Die wahre Entdeckungsreise innerhalb der Kunst besteht darin, die Perspektive und den Blickwinkel zu ändern. Auch wenn das mit dem Erblicken von Schweinehintern möglich wird. „Durch das Sehen bestimmen wir unseren Platz in der Umwelt, die sich mit Worten wohl beschreiben, nicht aber in ihrer räumlichen Existenz und Vielfallt erfassen lässt“ (John Berger-Sehen)
Der frühere britische Premierminister Winston Churchill soll einmal gesagt haben: „Hunde blicken zu uns auf, Katzen schauen auf uns herab, ein Schwein jedoch sieht uns als Gleichgestellten an.” Ein wagemutiger Vergleich!
Mensch und Schwein, zwei Wesen, die sich auf Augenhöhe begegnen. Wenn es denn so einfach wäre. Wir Menschen haben nämlich schon ein merkwürdiges Verhältnis zum Borstenvieh. Laut FAO (Welternährungsorganisation der UNO) wird die weltweite Schweinefleischproduktion 2025 mit 126,3 Millionen Tonnen angegeben. In der EU scheint die Zunahme schwindend zu sein, da restriktive Herausforderungen im Bereich Tiergesundheit, sowie Umwelt- und Tierschutzstandards nur eine geringe wirtschaftliche Steigerung sinnvoll machen. Und das ist gut so!
In Europa gibt es noch ca. 30 Rassen, von einstmals weit mehr als hundert. Nicht nur das deutsche Weideschwein starb aus. Heute machen in den Großställen der Tiermäster einige wenige Hochleistungsrassen nahezu 98 Prozent des Gesamtbestandes aus.
Vielleicht symbolisieren die goldenen Hinterteile von Peter Harder das Angler Sattelschwein. Vielleicht das Mangalitza Wollschwein, von dem ich so gerne das Schmalz mag, oder das Rot bunte Husumer Protestschweine. Oder das Turopolje Schwein und das Schwäbisch Hällische, das Duroc. Unter Umständen das Hamshire vielleicht? Das Husumer Protestschwein steht jedenfalls im persönlichen Fokus, weil es bei Hinrichsen auf Föhr kultiviert wird. Und auch das ist gut so! Kunst hin oder her. Manchmal schmeckt es auch, das Schwein!