Quadratisch - Praktisch - Kunst

 

Das "Kleine Schwarze"

und die "Moin-Saga" 

 

 

 

Mit dem "Kleinen Schwarzen" gebe ich dem Quadrat zusätzlich Raum und Diskussionsfläche und mit MOIN-MENSCH eine neue Blickrichtung.

 

  

 

Es ist nichts anderes als ein gleichseitiges und gleichwinkliges Rechteck. In der Ausgewogenheit und Klarheit kommt es dem Kreis in seiner Wahrnehmung sehr nahe. Es scheint im Alltag so präsent zu sein, dass es kaum noch als Besonderheit wahrgenommen wird, obwohl es seit Jahrhunderten sprachlich als Metapher im Dauerkonflikt mit der Quadratur des Kreises steht. Seinen Siegeszug begann das Quadrat im 20.Jahrhundert als Erdbeben in der Kunstgeschichte. Ein einfaches Quadrat auf einem weißen Stück Stoff. Kasimir Malewitsch (1879 - 1935) hat damit bewusst oder unbewusst ganze Künstlergenerationen verwirrt und beeinflusst. Malewitsch selbst nannte es die „reinste Form der Abstraktion“! Und diese Form von Abstraktion oder Reduktion des Blickes auf das Wesentliche im öffentlichen Raum auf Föhr, dem Festland und dem Rest der Welt zu präsentieren ist Avantgarde, Teilhabe, Wiederspruch und Diskurs zugleich. Kein einfaches Unterfangen. Aber was ist und war schon an und mittels der Kunst einfach?

 

 

 

 

Kunst kann kreatives Spielbein, dabei aber kein Allheilmittel für Lösungen bzw. Antworten sein. Sie ist dennoch kein Luxus, sondern die Anhäufung kommunizierter subjektiver Dinge und daraus abgeleiteter Werte. Kunst kann sich zum Verhaltensentwurf, zur Vision, zum Statement oder Wiederspruch und vielleicht sogar Weltanschauung in Einem positionieren. Vielleicht ist Kunst nichts anderes, wie es FLUXUS gerne formuliert: spielerische und partizipative Geisteshaltung. Kunst spiegelt manchmal gesellschaftliche Regeln. Sie kann Motor für Diskurse, Begrenzungen, Einrahmungen, Weitsicht und Zukunft gleichzeitig sein. Ihre Rolle orientiert sich manchmal zwischen Avantgarde und musealem Konservieren und zeigt oft auch Rückwärtsgewandtheit. Sie beeinflusst das menschliche Verhalten. Sie ist deshalb auch als psychologischer Prozess in der Gesellschaft zu betrachten. Kunst ist nichts anderes als Leben. Auch auf dem kleinen Schwarzen. Die Aktionen werden konzeptuell eingegrenzt und orientieren sich an Auflagen/Multiples in der bildenden Kunst. Es sind mengenmäßig begrenzte, identische, vervielfältigte Stückzahlen von Druckgrafiken, Serigrafien, Fotografien oder Abzügen, seriell hergestellten Objekte/Multiples eines Kunstwerkes, die vom Künstler autorisiert und zum Teil nummeriert und signiert sind. Ergänzend werden Postkarten und DIN A4 Drucke editiert.  Vielleicht lassen wir dabei einmal der Kunst den Raum für die Schaffung von fragwürdigen Dingen und überlassen den Kritikern, den Fachleuten oder den Betrachtern selbst mit ihrem letzten Wort die Erklärung.

 

 

Fragt man nämlich im Umfeld, ob man denn das schwarze Quadrat kennen würde, lautet die Antwort: „Du meinst doch sicherlich das „Kleine Schwarze“, oder? Aus der Sicht der Kunst wird die Antwort vielfältig, denn Malewitsch hat ja nicht nur schwarze Quadrate gemalt. Es scheint also notwendig, den Horizont zu weiten, was im Leben ja sowieso sinnvoll erscheint. Und da ist der Blick von der Kunst- in die Modewelt sinnvoll.

 

 

 

 

Oder vereinfacht formuliert: Kunst ist der Brutkasten für fragwürdige Dinge. Auf Föhr, auf dem Festland und dem Rest der Welt. Kunst ist deshalb Teil der öffentlichen Wahrnehmung und des sich daraus abzuleitenden gemeinsamen offenen Dialoges. 2026/2027 steht deshalb auch im Fokus vom kleinen Schwarzen und natürlich Moin-Mensch und dem Moin-Mensch-Archiv .

 

 

 

Mit kaum einem Stück Kulturgeschichte der Mode im Besonderen ist das besser möglich, als mit einem "Kleinen Schwarzen", das weltweit einen so bedeutenden Platz in unserer Garderobe eingenommen hat, dass selbst Malewitsch den sprichwörtlichen Hut gezogen hätte., Wir reden hier immerhin im Französischen von "petite robe noire" und im Englischen von "little black dress". Was nichts anderes bedeutet als ein Etuikleid geschnitten, das knapp über dem Knie endet. Die Geschichte ist genauso kantig, wie das Kleid. Schwarz war lange keine Farbe, die man ohne Grund einsetzte. Es war und ist die Farbe der Trauer und des Verlustes. Kriege und die Folgen ließen Schwarz als Leitbild gesellschaftlicher Haltung danach definieren, was sich im Stadtbild mit Witwen gefallener Soldaten plakativ zeigte. Dadurch bekam sie allerdings eine weitere Konnotation: Weil die Farbe suggerierte, dass eine Frau schon einmal verheiratet gewesen sei, also sexuell erfahren war, wurde Schwarz nicht nur aus männlicher Perspektive, zur Farbe der "Femme Fatale" und mit einem lasterhaften Lebensstil. Dass es schwarze Kleider trotz frivolem Beigeschmack doch noch in den Fokus der besseren Gesellschaft brachte, ist dem Gespür von Gabrielle Chanel oder „Coco“ zu verdanken. 1926 zeigte die US-amerikanische VOGUE ein schmal geschnittenen Kleid aus schwarzer Chinaseide von ihr. Es war knielang und hatte enge, lange Ärmel. Daneben wurde verlautbart: "Dieses schlichte Kleid wird eine Art von Uniform für alle Frauen mit Geschmack werden". Aus heutiger Sicht ein PR-Erfolg. Es ließ jedenfalls die Damen der Gesellschaft aufhören. Das Kleid war in Kürze in aller Munde. Die Nachfrage stieg. Es bekam sogar den Beinamen "Chanels Ford" – angelehnt an das T-Model von Ford, das ähnliche Begehrlichkeiten hervorrief und anfangs nur in Schwarz zu haben war.

 

 

Der Erfolg gab Coco Chanel recht, was sie veranlasste, die Idee bald auf weitere Modelle zu übertragen: So entwarf sie das kleine Schwarze mit plissierten Röcken oder mit Paillettenbesatz, die zum Inbegriff des neuen, androgynen, aber doch glamourösen Schönheitsideals für die „It-Girls“ der 20er-Jahre werden sollten. Obwohl Coco Chanel es salonfähig gemacht hatte, haftete dem Kleinen Schwarzen noch bis in die 60er-Jahre hinein ein anrüchiges Image in der bürgerlich-konservativen Gesellschaft an. Aus diesem Grund trugen die Leinwanddiven dieser Jahrzehnte in verführerischen Szenen gerne ein „little black dress“ – unter anderem Marilyn Monroe  in "Manche mögen's heiß" und "Blondinen bevorzugt", oder Brigitte Bardot in "Wollen Sie mit mir tanzen?". Das berühmteste „Kleine Schwarze“ der Filmgeschichte sollte aber erst 1961 zu sehen sein. Wir brauchen hier einen Rückblick, insbesondere für die „Spätgeborenen“ der Film und Modeszene.

 

Es ist die Filmszene, die wohl jeder, zumindest die, mit der Gnade der frühen Geburt, kennt: In "Frühstück bei Tiffany" steigt Holly Golightly alias Audrey Hepburn verschlafen aus dem Bett. Sie streift sie sich ein schwarzes, ärmelloses Kleid über, setzt einen ausladenden Hut auf, legt Perlenohrringe an. Ab diesem Moment ist sie die Verkörperung der Eleganz.

Hubert de Givenchy, französischer Modeschöpfer und Designer, entwarf Mode mit klar definierten Silhouetten und architektonischer Präzision. Über Jahrzehnte hinweg bestimmte sein Verständnis von Linie, Material und Maß eine Couture, die Modernität und Beständigkeit miteinander verbindet und bis heute als Inbegriff zurückhaltender Eleganz gilt. Er hatte Audrey Hepburn das „little black dress“ auf den Leib geschneidert. Seine handwerkliche Perfektion kombiniert mit ihrem Charisma in einem Film, der wie kaum ein anderer das allgemeine Modeverständnis beeinflusste, verhalfen dem „Kleinen Schwarzen“ endgültig zum Kultstatus – über Ländergrenzen und gesellschaftliche Kreise hinweg. Übrigens: Das Modell aus dem Film wurde zum Sammlerstück und 2006 für rund 600.000 Euro bei Christie's versteigert.

 

Heute ist das „Kleine Schwarze“ aus den Kleiderschränken der meisten Frauen nicht mehr wegzudenken: Kate Moss trug es unter einer Lederjacke, ebenso wie die Herzogin Meghan, die es zu offiziellen Anlässen trägt. Das Gute am Kleinen Schwarzen: Es ist eigentlich eine weiße Leinwand, lässt sich mit Accessoires leicht komplett umstylen und passt in jede Lebenssituation, ob als Kleid für den (Business-)Alltag, als Cocktailkleid, als Partydress oder als Abendrobe. Diesen Satz hätte ich gerne Kasimir Malewitsch vorgelesen und auf seine Reaktion gewartet. Welche Botschaft das „Kleine Schwarze“ grundsätzlich oder heute genau hat, liegt ganz allein bei der Trägerin. Ähnlich dem schwarzen Quadrat von Malewitsch. In ihm kann man sowohl auffälliger Hingucker sein als auch sich selbst in den Hintergrund stellen, um anderes in den Vordergrund zu rücken. Edith Piaf trug gerne schwarze Kleider auf der Bühne, damit nichts von ihrer Stimme ablenken sollte.

 

 

 

Im Alltag sind „Kleine Schwarze“ in Materialien wie Leinen oder Baumwolle am Markt. Ein lockerer Schnitt des Kleides gibt Bewegungsfreiheit. Am Abend darf es mehr sein: Little Black Dresses in Seide, schimmerndem Satin oder auch aus Leder und Pailletten sorgen für einen glamurösen Auftritt. Wie ein „Kleines Schwarzes“ wirkt, hängt oft von den Accessoires  ab: Mit extravagantem  Schmuck und High-Heels ist es der Inbegriff der Haute Couture und Eleganz, mit Cowboystiefeln und stylischer Lederjacke kann es aber genauso gut eine verwegene Ausstrahlung bekommen. Fest steht nur eines: Mit der Länge nimmt man es heute allerdings nicht mehr so genau. Wie mit dem Quadrat von Kasimir Malewitsch, das kein wirkliches Quadrat und die Erde auch keine Scheibe war! Die kleinen Aufkleber aus dem Atelier KUNSTEINS schon. 5,2cm x 5,2cm , oder?

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© Andreas Petzold #KUNSTEINS 2026