MING ODER MEIßEN

 

 

 

 

Wenn man so jeden zweiten Tag am Strand entlangläuft und die Seele am Flutsaum der Nordsee baumeln läßt, kann man schon bei der Wahrnehmung von salziger Luft, Wellen, Wind und dem Farbspiel der Wolken ins Grübeln kommen, wenn da nicht immer konzentrierter der Blick nach unten gerichtet wäre. Nach unten heißt den Blick auf eine Vielzahl von Fundstücken richten. Denn gerade jetzt in der stürmischen und kalten Jahreszeit lassen sich am Spülsaum des Nordseewassers spannende Dinge entdecken. So werden manchmal exotische Tiefseebewohner angeschwemmt, aber auch besondere Muscheln oder Fundstücke aus fernen Ländern. Im UNESCO-Weltnaturerbe Wattenmeer leben mehr als 10.000 Tier- und Pflanzenarten, von denen einige durch die Sturmwellen von dem Meeresboden aufgewirbelt werden.

 

 

Aber auch in ruhigen Bereichen liegen manchmal ganze Flächen von zerriebenen Holzstückchen und Jahrhunderte altem Torf – mit etwas Glück kann man dort auch ein kleines Stückchen Bernstein finden. „BeachExplorer“, ein Strandfundportal als kostenlose App für das Smartphone oder den Computer, gibt einem die Möglichkeit ein digitales Bestimmungsbuch mit mehr als 2.000 Sorten Strandfunde zu ergänzen. Porzellanbruchstücke sind dabei eher seltener dokumentiert. Nicht nur diese besonderen Funde, sondern jeder einzelne, der über den BeachExplorer bestimmt und gemeldet wird, ist ein wichtiger Hinweis für die Experten: Die Meldungen fließen in Datenbanken ein und erlauben es Forschern, ein immer detaillierteres Bild von der Lebenswelt der Nordsee zu gewinnen.

 

Wie beim Langläufer in seiner Loipe dehnt sich fast jeder Schritt, die Augen fokussiert ausgerichtet. Runde Steine, ovale Steine, kantige Steine in fast allen Naturfarben. Alle paar Meter ein kurzer Stopp. Ein erstes Tasten mit den Schuhen, bevor die Hand zugreift und das Objekt der Begierde prüft, wendet und ertastet und kurze Zeit später wieder fallen läßt. So geht das Tag für Tag, Woche für Woche. Laufen, bücken, prüfen, laufen. Und manchmal ein Lichtblick, getrieben von der Hoffnung, dass sich der Blick an etwas Besonderem verfängt. Dann endlich - manchmal vergehen 1 – 2 Tage - wird die Geduld belohnt. Eine Scherbe blinkt zwischen den tausenden von Muscheln und Steinen auf und stellt die Kardinalfrage: „Ming oder Meißen“ ?

Und damit beginnt das Problem erst richtig! Aber das ist eine andere Geschichte.

 

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© Andreas Petzold #KUNSTEINS 2026